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Accademia

Die Accademia Romana ging vermutlich aus der Accademia della Virtù hervor; zumindest waren einige Personen Mitglieder beider Akademien, was vermutlich zu der in der Forschung verbreiteten Annahme führte, die in Tolomeis Brief nicht genauer benannte oder charakterisierte Gruppe von Personen sei mit der Accademia della Virtù identisch. Diese scheint sich jedoch nur für philologische Fragen wie neulateinische Dichtung und die Etablierung eines reformierten Italienisch als Wissenschaftssprache interessiert zu haben. Sie wählte jährlich einen "Re" (= König) und hielt – u.a. im Garten der Farnese – Versammlungen und Fest ab. Da der Name dieser Akademie später nicht mehr genannt wird, auch nicht im Zusammenhang mit dem Kreis um Tolomei, ist davon auszugehen, dass dieser Kreis selbst sich nicht (mehr) als Accademia dela Virtù ansah oder bezeichnete. 

Die Bezeichnung Accademia Vitruviana scheint erst in der späteren Forschung geprägt worden zu sein und auf einem Missverständnis der Vasari-Stelle zurück zu gehen, in der dieser davon spricht, Jacopo Barozzi da Vignola habe (vor 1537) im Auftrag einer "Akademie, die sich dem Studium Vitruvs widmete", alle antiken Bauten Roms vermessen: Deutet schon der zweite Teilsatz darauf hin, dass also offensichtlich nicht nur das Studium Vitruvs Thema dieser Akademie war, so erscheint ihre eingrenzende Bezeichnung als "Accademia Vitruviana" unangemessen – zumal diese Bezeichnung selbst in keiner zeitgenössischen oder zeitnahen Quelle verwendet wird.

Egnatio Danti wiederum nennt in der Biographie Vignolas, die er seiner Edition des nachgelassenen Perspektivtraktats voranstellt, denselben Zirkel in Rom eine "Accademia d'Architettura", was zumindest mit dem Zweck des von Tolomei dargelegten Programms entspricht, welches in der "Wiedererweckung" des "edlen Studiums der Architektur" dienen sollte. Aber auch Dantis Bezeichnung erscheint in zeitgenössischen Quellen nicht. 

Dagegen nennen sich die Verlegerbrüder Dorico im Impressum der zweiten, stark überarbeiteten und erstmals illustrierten Ausgabe der Topographia Urbis Romae Bartholomeo Marlianos im Jahre 1544 "Accademiae Romanae Impressorum". Da die berühmte, im 15. Jahrhundert durch Pomponio Leto gegründete Akademie nach dem Sacco di Roma 1527 nicht mehr aktiv gewesen zu sein scheint, jedoch einige ihrer letzten Mitglieder sich auch im Umkreis Tolomeis wieder finden, dürfte dies als Begründung ausreichen, im Zirkel Tolomeis, Cervinis, Manzuolis u.v.a. eine Neugründung der Römischen Akademia, also die Accademia Romana zu sehen. 

Sie existierte in unterschiedlicher Zusammensetzung vermutlich bis 1555, als mit dem gerade erst 3 Wochen zuvor zum Papst gewählten Marcello Cervini ihr Spiritus rector und sicherlich auch (nun qua Papstamt) zur Hoffnung auf eine stetige Finanzierung Anlass gebendes Mitglied verstorben war. Anschliessend scheinen sich viele Mitglieder aus Rom fortbegeben zu haben, die meisten sicherlich auch aus ökonomischen Gründen. Immerhin beschäftigte Kardinal Antoine Perrenot de Granvelle, der auch während seiner Abwesenheit von Rom in Kontakt mit den Akademikern gestanden haben dürfte und ihre Interessen teilte, einige von ihnen als Sekretäre: Pighius und auch Morillon verliessen mit ihm Rom, er liess Sebastiaan Van Noyens Stickwerk mit dessen Rekonstruktion der Diocletiansthermen drucken, und auch die durch Lipsius fertiggestellte Edition der Inschriftensammlung Martin de Smets steht mit Granvelle in Zusammenhang.

Die Accademia bestand aus einer Gruppe italienischer und französischer (sowie wohl auch niederländisch-deutscher) Antiquare und Gelehrten, deren umfangreiches Programm ausgehend von einer neuen, wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Edition Vitruvs sich als eine erste umfassende Formulierung der Ziele einer klassischen Archäologie des antiken Rom verstehen lässt. Hierzu zählten auch Vermessungen und Dokumentation der verfügbaren historischen Quellen zu allen bedeutenden antiken Bauten Roms. Ging man bisher davon aus, dass dieses Programm nur in Ansätzen realisiert wurde, so berichtet Vasari immerhin, Vignola – mit dem er in brieflichem und wohl auch persönlichem Kontakt stand – habe für die Accademia "alle Antiken Roms vermessen". Leider haben sich anscheinend keine Vignola-Zeichnungen erhalten, die diese Behauptung stützen würden. Sie mögen verloren gegangen sein – es erscheint aber auch denkbar, dass Vignola solche Vermessungen nur geleitet – also nicht selbst gezeichnet hat: Denn die Vermessung der antiken Grossbauten Roms war durch einen Einzelnen nicht zu bewerkstelligen und erforderte das koordinierte Vorgehen einer ganzen Gruppe von Vermessern und Zeichnern.

Eine Arbeitshypothese des vorliegenden Forschungsprojekts ist daher, dass in den Zeichnungen des Berliner Codex Destailleur D und der seinem Umkreis entstammenden Blätter andernorts diese Zeichnungen für die Accademia erhalten geblieben sind, dass also die anonymen bzw. als Handwerker (nicht: Architekten) unbekannten Zeichner im Auftrag der Accademia und damit zumindest zeitweise unter Vignolas Anleitung gearbeitet haben könnten.

Es erscheint zumindest unwahrscheinlich, dass einerseits eine Gruppe von Gelehrten ein Programm wie das der Accademia formuliert und zeitgleich eine Gruppe von Handwerkern (dies lässt sich aus den Unterlagen der Fabbrica di San Pietro hinsichtlich der im Berliner Codex enthaltenen Zeichnungen zu Sangallos Projekt für St. Peter ableiten) ein umfassendes Projekt verwirklichte, dessen Ziel offensichtlich nichts weniger als die genauest mögliche Dokumentation aller wichtigen antiken sowie bedeutender zeitgenössischer Bauten Roms war. Zu erwähnen ist dabei auch, dass die überwiegend französischsprachigen Zeichner sich in mehreren Beischriften in gebrochenem Italienisch offensichtlich mit Erklärungen zum Dargestellten an Auftraggeber wenden: Wären dies nur Notizen, die als private Gedächtnisstützen gedacht gewesen wären, so wäre ihre Formulierung auf Italienisch kaum zu verstehen …

Hier werden fortschreitend die Quellen und Informationen zur Accademia zusammen getragen, welche diese Hypothese zu stützen (oder ggf. zu widerlegen) vermögen.

Bernd Kulawik, 2017-11-25 (wird fortlaufend aktualisiert)