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1. Zusammenfassung

erstellt von Kulawik Veröffentlicht 01.10.2018 12:50, zuletzt verändert: 20.12.2018 10:41

1547 veröffentlichte der Sieneser Humanist, Philologe, Historiker und spätere Bischof Claudio Tolomei (1492–1556) einen Brief an Agostino de’ Landi, in dem er 1542 das umfangreiche Publikationsprogramm einer grossen Gruppe von Gelehrten, Architekten und Künstlern vorgestellt hatte, welches der Rekonstruktion und dem Transfer allen theoretischen und praktischen Wissens über die antike Architektur sowie

der Erschliessung und Deutung ihrer kulturellen Kontexte für die Neuzeit dienen und dazu (mindestens) 24 Bänden umfassen sollte. Dieses Projekt gilt bisher bis auf eine Publikation (Philandrier 1544) und einen Band mit Zeichnungen nach antiken Reliefs (Codex Coburgensis) als nicht realisiert. Die genannte Gruppe im Umkreis Tolomeis wurde bisher zudem (auch vom Verfasser) irrtümlich mit der «Accademia della Virtù» identifiziert, der Tolomei und einige andere Gelehrte dieses Netzwerks tatsächlich angehörten, die sich jedoch überwiegend philologischen Fragen widmete. Beide Auffassungen müssen jetzt revidiert werden: Tatsächlich legen meine neuere Forschungen und Funde nahe, dass Tolomeis Projekt durch ein Netzwerk, welches sich «Accademia (de lo Studio) de l’Architettura» nannte, fast vollständig realisiert wurde. Die meisten der von diesem grossen, arbeitsteilig und selbst nach heutigen Massstäben methodisch erstaunlich modern vorgehenden Personenkreis erarbeiteten Ergebnisse sind bisher kaum oder nicht erschlossen bzw. wurden nicht im Zusammenhang ihres gemeinsamen Entstehungskontextes gesehen — ebensowenig wie eine grosse Zahl wichtiger, zwischen ca. 1540 und etwa 1630 entstandener Publikationen, die z. T. als die bedeutendsten «antiquarischen» Schriften ihrer Zeit und als Grundsteine der modernen altertumswissenschaftlichen Disziplinen angesehen werden (können). Die engen Beziehungen ihrer Autoren zueinander oder — im Falle der später erschienenen Publikationen — zu Mitgliedern der Accademiabspw. als deren Schüler oder ‘Erben’ ihrer Materialien und die oft nahezu perfekte Übereinstimmung mit den Beschreibungen einzelner Bände in Tolomeis Programm lassen es jedoch als sicher oder zumindest sehr wahrscheinlich erscheinen, dass diese Schriften dem Projekt der Accademia zugerechnet werden können. Die Rekonstruktion dieses Projektes und die Bereitstellung der durch die Accademia erarbeiteten Materialien für die heutige und zukünftige Forschung lassen nicht nur eine Vielzahl neuer Erkenntnisse zu einer riesigen Zahl antiker Objekte erwarten, sondern auch eine weitgehend neue Sicht auf die römische Antike selbst, ihre wissenschaftliche Rezeption in der Renaissance, die Wissenschaftsgeschichte altertumswissenschaftlicher Disziplinen sowie die Geschichte der wissenschaftlichen Methodik allgemein erwarten.

[Fortsetzung]