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2. Bisherige Forschungsergebnisse

erstellt von Kulawik Veröffentlicht 01.10.2018 12:50, zuletzt verändert: 11.04.2019 14:57

Zwischen ca. 1535 und 1555 arbeitete in Rom ein Netzwerk von ca. 200 Personen an der Realisierung des von Tolomei 1542 in einem Brief an Agostino de’Landi (und 1543 an François Ier) beschriebenen Projekts zur kommentierten Dokumentation nahezu der gesamten materiellen Kultur des antiken Rom, soweit diese für das Verständnis antiker Architektur von Bedeutung sein konnte. Dieses Projekt gilt in der Forschung als nicht realisiert und aufgrund seines gewaltigen Umfangs auch schlicht als nicht realisierbar, obwohl Tolomei abschliessend diesen Einwand vorweg nimmt und entkräftend erklärt, dass es dank der koordinierten arbeitsteiligen Mitwirkung einer sehr grossen Zahl gelehrter Personen und Praktiker «in weniger als drei Jahren» vollendet, d. h. durch Publikation der Ergebnisse realisiert werden könne. 1547 publizierte Tolomei den Brief in seiner ca. 20× aufgelegten Briefauswahl, was es bereits eher unwahrscheinlich erscheinen lassen sollte, dass es sich hier einfach um eine dreiste Übertreibung seinerseits handeln dürfte.

Im Rahmen der 1997–2001 und 2013–2017 durchgeführten Forschungen zu den Architekturzeichnungen eines zuvor anonymen Franzosen im sog. Codex Destailleur D (Hdz 4151) der Berliner Kunstbibliothek (SMB–PK) zeigte sich, dass diese auf einen Handwerker an der Fabbrica di San Pietro in Vaticano namens Guielmo franciosio zurück gehen, dem man kaum die Konzeption des anhand der Zeichnungen erkennbaren Grossprojekts zur vollständigen Dokumentation nahezu aller antiken und der wichtigsten zeitgenössischen Bauten seiner Zeit wird zutrauen dürfen. Zusätzlich erwiesen sich die 39 bereits durch Hermann Egger 1903 als dem Berliner Codex nahestehend erkannten Zeichnungen der Wiener Albertina nur als Teilgruppe von ca. 100 Blättern dieser Sammlung, die sich nun demselben Entstehungszusammenhang zuweisen lassen und — wie ca. 655 weitere, ähnliche Blätter in weiteren 17 Sammlungen — nicht als Kopien, sondern wechselseitige Ergänzungen innerhalb des riesigen Gesamtcorpus zu charakterisieren sind.

Diese bisher insgesamt ca. 875 bekannten Blätter mit ca. 3’500 Einzelzeichnungen gehen auf ca. 35 (bis auf Guielmo) noch anonyme Zeichner zurück, welche zwischen 1535–1555 in wechselnden Konstellationen kontinuierlich und offensichtlich nach präzisen Vorgaben arbeiteten. Die von ihnen erstellten Zeichnungen stellen nicht nur die vermutlich umfassendste jemals — nicht nur in Rom — erstellte Dokumentation antiker Architektur dar, sondern häufig auch die präziseste bekannte, da selbst kleinste Details bis in den Submillimeterbereich vermessen und in komplexen Übersichtsplänen zueinander in Beziehung gesetzt wurden. Hinzu kommt, dass diese Zeichnungen sich durchaus als frühe Bauaufnahmen charakterisieren lassen, da sie alle damals erkennbaren und erreichbaren Details zu erfassen bestrebt waren und die Bauten in Zuständen dokumentieren, die später — z. T. sogar unter Mitwirkung der Zeichner selbst bspw. in den Caracalla-Thermen — fortschreitend beschädigt oder sogar ganz beseitigt wurden. Ihr Quellenwert für Archäologie und Architektur sowie deren Geschichte und viele Nachbardisziplinen ist bis heute nur in minimalen Ansätzen von der Forschung erkannt worden, weshalb die Zeichnungen bisher nur ausnahmsweise und oberflächlich zum Verständnis erhaltener oder verschwundener Bauwerke herangezogen wurden.

Im Verlauf der Forschungen zu den Architekturzeichnungen zeigte sich, dass sie durch anonyme, häufig französischsprachige Handwerker im Auftrag und nach einheitlichen Vorgaben einer gemischtsprachigen Auftraggebergruppe angefertigt wurden, an die sich die Zeichnungskommentare in Französisch oder zumeist stark französisch gefärbtem Italienisch wenden. Dieser Auftraggeberkreis kann nur mit der «Accademia de lo Studio de l’Architettura» identisch sein, die Dionigi Atanagi in einer Aufzählung der römischen Akademien zur Zeit Pauls III. so benennt. Bisher identifizierte die Forschung irrtümlicherweise die von Tolomei nicht genauer spezifizierte sehr grosse Gruppe von Gelehrten und Praktikern mit der «Accademia della Virtù»: Diese widmete sich jedoch nahezu ausschliesslich philologischen Themen. Die «Accademia de lo Studio di Architettura» scheint sich als Nachfolgerin der von Pomponio Leto 1464 gegründeten und im Sacco di Roma 1527 erloschenen «Accademia Romana» gesehen zu haben, deren Mitglieder führende Angehörige der neuen Akademie wie Marcello Cervini oder Giangiorgio Trissino bereits gewesen waren.

Für diesen Kreis um Cervini (1555 kurzzeitig Papst Marcellus II.) soll Jacopo Barozzi da Vignola laut Giorgio Vasari und Egnatio Danti alle antiken Bauten Roms vermessen haben. Bei diesen Vermessungen, die jeweils nur in einer Gruppe von mindestens drei Beteiligten durchgeführt werden konnten, dürfte Vignola jedoch eher eine leitende Funktion innegehabt haben, was erklären würde, warum seine Handschrift in den Zeichnungen bisher nicht identifiziert werden konnte. Zudem lassen sich unter den jetzt zum Gesamtkomplex zu rechnenden Zeichnungen viele identifizieren, die — im Unterschied zu den Vermessungs- und Übersichtszeichnungen in Berlin und Wien — als Reinzeichnungen oder Druckvorlagen zu charakterisieren sind. Diese wiederum zeigen so grosse zeichentechnische und stilistische Nähe zu den figürlichen Zeichnungen der Codices Coburgensis und Pighianus sowie kürzlich bekannt gewordenen Darstellungen der Reliefs der Trajanssäule, dass ein gemeinsamer Entstehungshintergrund um 1550 in Rom sehr wahrscheinlich ist, zumal einzelne dieser Zeichnungen wohl sogar von denselben Zeichnern angefertigt wurden.

Sehr ähnliche Merkmale weisen zudem die ca. 12’000 Zeichnungen nach antiken Münzen auf, die Jacopo Strada für sein Magnum ac Novum Opus sowie Auszüge daraus durch junge Zeichner wie Dosio und Armenini anfertigen liess. Strada berichtet, dass er nach seiner Ankunft in Rom Ende 1553 zu jener «eruditissima academia» hinzugebeten wurde, die sich regelmässig im Palazzo Farnese traf und der Vertreter aus zwanzig Disziplinen und Berufen angehörten, unter ihnen auch Antonio Agostín, der nicht nur die Drucklegung der ersten Schriften Panvinios durch Strada initiierte, sondern dessen Freund und Sekretär Jean Matal die wohl umfangreichste, erstmals (nahezu) modernen wissenschaftlichen Kriterien folgende Sammlung antiker Inschriften (mindestens sechs Bände in der Vaticana) erstellte, an welcher Smet, Morillon, Pighius, Philandrier, Louis Budé, Ligorio, Palladio u. v. a. m. (s. u.) beteiligt waren. Sie wurde Anregung und Grundstein für Theodor Mommsens Corpus Inscriptionum Latinarum. Von hier führen nachweisbare Verbindungen zu vielen Personen, Quellen und wichtigen ‘antiquarischen’ Publikationen, die höchstwahrscheinlich alle als Ergebnisse jenes von Tolomei beschriebenen arbeitsteilig realisierten Projekts aufzufassen sind. Ihr Umfang, ihr immenser Informationsgehalt, die resultierende hohe Bedeutung als Grundlagen sowohl für die historischen Disziplinen wie Archäologie, Architekturtheorie und -geschichte, Bauforschung, Kunstgeschichte, Epigraphik, Numismatik, Technik- und Wissenschafts- sowie Wissensgeschichte als auch für deren Fachgeschichten und ihr Einfluss auf die Antikenforschung durch die z. T. gut bekannten, aber nie auf eine gemeinsamekoordinierte Anstrengung zurück geführten frühen Publikationen sollten ihre koordinierte Erschliessung als wissenschaftliche Grundlagenforschung in einem neuen internationalen, interdisziplinären Grossprojekt mehr als ausreichend rechtfertigen.