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3.1 Exkurs: Das Programm und seine Ergebnisse

erstellt von Kulawik Veröffentlicht 01.10.2018 12:50, zuletzt verändert: 27.05.2019 19:07

Eine umfassende kommentierte Edition und Übersetzung des Tolomei-Briefes ist z. Z. noch in Arbeit; sie wird auch die fortlaufend zu aktualisierende Liste der Quellen und Publikationen (s. Anhänge) enthalten und erläutern, die sich dem Programm der Accademia bisher hypothetisch oder sicher zuordnen lassen. 

1. Lateinische Kommentierung der schwierigen Stellen Vitruvs 

Diese geplante Publikation wird in der Forschung übereinstimmend mit Guillaume Philandriers Annotationes zu Vitruv von 1544 identifiziert, in der entsprechende Stellen aus De Architectura unter Bezug auf andere antike Texte, Bauten, Aussagen von Architekten und mittels Illustrationen erläutert werden.

2. Philologisch-kritische Übersicht aller erhaltenen Textversionen Vitruvs (inkl. Vergleich)

Eine solche Publikation oder deren Vorarbeiten scheinen nicht vorzuliegen, es ist aber anzunehmen, dass sie in Manuskriptform existiert haben, denn Philandriers Neuausgabe seiner Annotationes in Kombination mit dem vollständigen Text Vitruvs von 1552 trägt den Untertitel: «omnibus omnium editionibus longè emendatiores, collatis veteribus exemplis». Es dürften also nicht nur Drucke, sondern auch Manuskripte — allein Cervini besaß mindestens vier — für die Erstellung des emendierten Textes herangezogen worden sein. Eine vollständige vergleichende Publikation der Textvarianten Vitruvs dürfte allein schon aufgrund der Kosten unterblieben sein. Sie ist bekanntlich auch bis heute nicht erfolgt.

3. Lateinische Neuedition Vitruvs inkl. rekonstruierter Darstellungen

Als mögliche Realisierung dieses Teilvorhabens könnte — neben Philandriers eher nur unzureichend illustrierter Ausgabe von 1552 — Daniele Barbaros kommentierte lateinische Edition von 1567 angesehen werden, die vermutlich eher, nämlich parallel zu seiner italienischen Übersetzung von 1556 vorbereitet wurde. Sie enthält die von Palladio erarbeiteten Illustrationen: Inwiefern diese denjenigen entsprechen, die Vitruv als Anhänge zu seinem Werk erwähnt bzw. dieses — wie Tolomei schreibt — ergänzen, wurde m. W. noch nicht überprüft. Ebensowenig ist bisher untersucht worden, welche Textgrundlage Barbaro verwendete (vermutlich Philandriers Edition von 1552). Eine Beziehung zur Accademia ergibt sich nicht nur aus dem Umstand, dass Barbaro mit deren führendem Mitglied Giangiorgio Trissino bekannt war, sondern vor allem durch Palladio selbst, der mit seinem Mentor Trissino in den 1540er Jahren und mit Barbaro nach 1550 mehrfach und z. T. längere Zeit in Rom weilte, um sich dort jenes Wissen über die antike Architektur anzueignen, das ihn dann zum beratenden Illustrator des in dieser Thematik zuvor nicht tätigen und wohl auch kaum bewanderten Barbaro prädestinierte. Dass Barbaros Edition — wie viele andere Publikationen aus dem Umkreis der Accademia — Kardinal Granvelle gewidmet war, der viele Akademiker mit Aufträgen unterstützte bzw. beschäftigte, sei hier nur am Rande erwähnt.

4. Kommentiertes lateinisches Wörterbuch der lateinischen Fachbegriffe Vitruvs

Eine entsprechende Publikation ist bisher nicht bekannt; Vorarbeiten scheinen sich nicht erhalten zu haben. Jedoch ist anzunehmen, dass es entsprechende Manuskripte gegeben hat, da sie als Arbeitsgrundlage z. B. für Philandriers Publikationen sowie die von verschiedenen Zeitgenossen bezeugten Diskussionen innerhalb der Accademia angesehen werden müssen. Einen Eindruck, wie man sich ein solches gedrucktes Wörterbuch vorzustellen hat, vermittelt die von Paolo Manuzio und seinem Sohn Aldo d. J. 1566 veröffentlichte Orthographiæ Ratio: Beide waren in Rom im Umkreis der Accademia tätig. Der jüngere Aldo Manuzio war einer der produktivsten Mitarbeiter Matals; sein Vater und er veröffentlichten in ihrem berühmten Verlag mehrere Bücher, die auf Ergebnisse des Accademia-Projekts zurück zu gehen scheinen.

5. Kommentiertes lateinisches Wörterbuch der griechischen Fachbegriffe Vitruvs

Für dieses vocabolario gilt sinngemäß das eben Gesagte. Es sei ergänzt, dass sich Kardinal Marcello Cervini neben seinen vielen anderen, häufig architekturbezogenen Aktivitäten insbesondere um die Etablierung eines ‘Verlags’ für die Publikation griechischer Autoren (vor allem kirchenhistorischer und theologischer Texte) bemühte und hierzu einen Vertrag mit dem römischen Drucker Antonio Blado abschloss, der ebenfalls mehrere Publikationen aus dem Umkreis der Accademia herausbrachte.

6. Philologischer Kommentar zu Vitruvs Latein im Vergleich mit anderen antiken Autoren

Zu diesem Buch lassen sich bisher weder eine Publikation noch Vorarbeiten nachweisen oder begründet vermuten: Allerdings scheint dieses geplante Buch ebenso wie das folgende eher sehr spezielle philologische Interessen zu betreffen und für das Ziel des Gesamtprojekts eher verzichtbar gewesen zu sein.

7. Neuübersetzung Vitruvs in ‘korrekte[re]s’ Latein [!]

Diese Neuübersetzung, die auf den vorangehenden Studien für Buch 6 beruhen sollte, ist ebenfalls für das Ziel des Gesamtprojekts von nachrangiger Bedeutung und deshalb vermutlich auch nie in Angriff genommen oder gar realisiert worden.

8. Neuübersetzung Vitruvs in das moderne (toskanische) Italienisch

Aufgrund persönlicher Beziehungen Daniele Barbaros (vielleicht nicht nur) zum Accademia-Mitglied Trissino, dem Förderer Palladios, und aufgrund der Mitwirkung Palladios an Barbaros umfangreich kommentierter Vitruv-Übersetzung von 1556 scheint es naheliegend, diese Ausgabe als Realisierung dieses Projektpunktes anzusehen. Sie könnte möglicherweise dadurch motiviert worden sein, dass die Edition Philandriers von 1552 zwar einen emendierten lateinischen Text und eine überarbeitete Version seiner Annotationes enthielt, jedoch keine Kommentare des gesamten Textes in wünschenswert ausführlicher Form. Dass die bis dato erschienenen Vitruv-Übersetzungen nicht den Ansprüchen der Accademia entsprachen, sagt Tolomei selbst deutlich in seinem Brief. Der Tod Marcello Cervinis im April 1555, mit dem wohl die Hoffnungen auf eine von päpstlicher Seite ausreichend finanzierte Realisierung des Projektes ganz zum Erliegen gekommen sein dürften, könnte Barbaro zu dem Entschluss bewogen haben, diesen verwaisten Teil des Projekts mit Palladios Unterstützung selbst in die Hand zu nehmen, auch wenn für die Vitruv-Ausgabe nicht (wie sonst häufig anzutreffen) ein genaues Datum für die Publikation im Impressum angegeben ist und die Zeit seit Cervinis Tod möglicherweise sehr kurz erscheinen mag. Es ist natürlich auch nicht ausgeschlossen, dass Barbaros Arbeit an Kommentierung und Übersetzung bereits deutlich früher begann, z. B. aufgrund seiner Kontakte mit Akademikern während seiner Rombesuche mit Palladio nach 1550. Immerhin ist es erstaunlich, dass die Forschung zu Palladio, Barbaro und/oder zur Vitruv-Rezeption einer möglichen Verbindung der Barbaro-Edition zum Projekt Tolomeis nie nachgegangen zu sein scheint. Auch Untersuchungen über Barbaros Textgrundlage scheinen bisher nicht vorzuliegen.

9. Kommentiertes italienisches Wörterbuch der architektonischen Fachbegriffe Vitruvs

Dieses Fachwörterbuch sollte sich explizit an Architekten und Auftraggeber wenden, ebenso wie das folgende. Zwar ist eine entsprechende Publikation nicht bekannt, auch haben sich dafür anscheinend keine Vorarbeiten erhalten, man wird aber schon aus methodischen Gründen annehmen dürfen, dass entsprechende Notizen systematisch angelegt wurden und bspw. Barbaro als Arbeitshilfsmittel vorlagen.

10. Kommentiertes italienisches Wörterbuch aller Werkzeuge und architektonischen Details

Auch für dieses geplante Buch haben sich weder eine Druckfassung noch Vorstufen erhalten. Es lässt sich aber ebenso wie für Buch 9 annehmen, dass ähnliches zur Arbeit am Text in Manuskriptform vorlag.

11. Zusammenstellung der architektonischen Regeln Vitruvs für die Praxis

Auch dieses Buch scheint auf den ersten Blick nicht realisiert worden zu sein. Allerdings ewähnt Tolomei bereits die Möglichkeit, dass Vitruvs Regeln mit der erhaltenen gebauten Architektur nicht in Übereinstimmung zu bringen wären — ein Umstand, der den Architekten spätestens seit Antonios Onkel Giuliano da Sangallo bereits bekannt war. Deshalb sollten verschiedene Beispiele verglichen und nach Gründen gesucht werden, welche die antiken Architekten bewogen haben könnten, von Vitruvs Regeln abzuweichen. Dem Ziel aber, mit diesem Buch ein verbindliches System für den praktischen Gebrauch vorzulegen, wäre man damit auch nicht wirklich näher gekommen. Es erscheint also nur konsequent, wenn Jacopo Barozzi da Vignola aus seiner umfassenden, im Dienste der Accademia erworbenen Kenntnis der ‘unsystematischen’ antiken Architektur den Schluss zog, ein eigenes System zu entwickeln, das sich an den besten Beispielen der Antike und ggf. Vitruv orientieren und zugleich durch einheitliche Modularität umfassend einsetzbar sein sollte. Genau dies leistet seine Regola delli cinque ordini, die 1562 vorlag, aber vermutlich schon deutlich länger in Vorbereitung war. Hierauf deuten Zeichnungen im Vatikan (Cod. Ross. 618) hin, die sich nicht als Kopien nach Vignolas Tafeln interpretieren lassen — obwohl sie genau dies auf den ersten Blick zu sein scheinen —, sondern auf Vorstufen dazu zurück gehen müssen. Der Zeichner hatte dabei aber offensichtlich nicht die 1562 publizierten Stiche oder deren direkte Vorlagen im Maßstab 1:1 zur Hand. Die Zusammenführung der Zeichnungen in Cod. Ross. 618 mit solchen Antonio Labaccos, des langjährigen engsten Mitarbeiters Antonio da Sangallos d. J., und Jacopo Stradas, der 1553–1555 in Rom weilte und regelmäßig die Versammlungen der «eruditissima academia» besuchte, deutet darauf hin, dass die ersten Zeichnungen für Vignolas Regola und also ihre Vorlagen vor 1555 entstanden sein dürften.

Auch Buch 1 der Quattro Libri Palladios von 1570 könnte man als einen Versuch in Richtung des hier geplanten Buches interpretieren, da er in diesem ebenfalls (nicht nur) die klassischen Ordnungen darstellt. Wie Vignola verzichtet Palladio auf feste Maßangaben und stellt seine Beispiele als Modulsystem dar.

Zusätzlich wird man als ein mögliches Ergebnis dieses Teilvorhabens vielleicht auch Jean Bullants Reigle Generalle d’Architecture (1564) ansehen dürfen, in welcher dieser die Säulenordnungen nach Vitruv mit antiken Beispielen vergleichend erläutert. Bullant berichtet, in Rom selbst Studien und Vermessungen betrieben zu haben; die Länge seines Aufenthaltes sowie seine möglichen Kontakte dort sind aber bis heute nicht bekannt. Man wird jedoch annehmen dürfen, dass ein junger Architekt, der sich in Rom für antike Bauten interessierte, der Aufmerksamkeit der Akademiker ebensowenig entgangen sein dürfte wie Philibert de L’Orme um 1536 — zumal die Accademia bemerkenswert viele Franzosen umfasste, die bspw. als Mitglieder der Kirchgemeinde an S. Luigi dei Francesi in Kontakt gestanden haben dürften.

12. Kommentierte Chronologie der urbanen Entwicklung Roms in der Antike

Ein dezidiert diesem Teilprojekt entsprechendes Werk ist noch nicht bekannt; auch entsprechende Einzelstiche oder Zeichnungen wurden bisher nicht als dessen Realisierung identifiziert. Jedoch wurde bereits früher (u. a. von Margaret Daly Davis, 1986) darauf hingewiesen, dass die zweite römische Auflage der Topographia Urbis Romæ Bartolomeo Marlianos (erschienen 1544) mit ihren drei scheinbar groben, jedoch in vielen Punkten erstaunlich genauen Plänen zur Stadtentwicklung Roms in der Antike zu diesem Teilprojekt in Beziehung zu setzen sei, zumal sich Marliano bei drei Akademikern für ihre Mitwirkung bedankt.

Das relativ frühe Erscheinungsdatum könnte so gedeutet werden, dass eine umfassende Monographie zur Entwicklung der Urbs in der Antike zwar geplant war, man sich aber der Langwierigkeit bewusst war und deshalb erste Erkenntnisse bereits früher publizieren wollte.

Eine bemerkenswerte, hier möglicherweise relevante aber bisher kaum untersuchte Gruppe von Codices in der Vaticana enthält kartographische Darstellungen aus dem Umkreis Antonio da Sangallos d. J., der zu den Mitbegründern der Accademia zu rechnen ist, an ihren Sitzungen teilnahm und mit seinem Proemio zu einer neuen Vitruv-Ausgabe von 1531 bzw. 1539 die erste Hälfte des Tolomei-Programms vorweg genommen hatte. Einige Zeichnungen darin lassen sich Leonardo Bufalini zuschreiben, Militäringenieur und Mitarbeiter Sangallos, der bekanntlich den ersten im modernen Sinne topographischen Plan Roms erstellte. Bisher bekannt sind von diesen Codices in der Vaticana Barb. lat. 2098, 4391 A+B und 4423.

13. Kommentierte und illustrierte Dokumentation aller erhaltenen Bauten in Rom und Umgebung

Dieses Buch darf wohl als das Zentrum des Gesamtprojektes angesehen werden: Tolomei nennt es — und nur dieses Buch — «una vaghissima […] opera»; d. h. er war sich des voraussichtlich riesigen Umfangs einer solchen vollständigen Dokumentation durchaus bewusst. Die Vorarbeiten zu dieser Publikation, die selbst vermutlich mehrbändig hätte werden müssen, lassen sich jetzt mit dem Berliner Codex Destailleur D und den insgesamt mehr als 875 Blättern und 3500 Zeichnungen seines Umkreises identifizieren: Sie dokumentieren systematisch und mit größtmöglicher Präzision alle damals bekannten antiken Bauten Roms, einige aus seiner Umgebung sowie aus Südfrankreich und einige, offensichtlich als vorbildlich angesehenen zeitgenössischen Bauten wie Bramantes Tempietto, Sangallos letztes Projekt für St. Peter oder seinen Palazzo Farnese. Die auffällige Nähe dieser Zeichnungen anonymer, überwiegend französischsprachiger Handwerker zu denen Palladios wurde bereits von Heinrich Spielmann 1966 bemerkt und kurz analysiert: Spielmann bemerkte, dass die als vorbildlich geltenden Palladio-Zeichnungen in vielfacher Hinsicht hinter denen des Codex Destailleur D zurück stehen, da letztere auch Details zeigen, die weder von Palladio noch von späteren Vermessern mit vergleichbarer Präzision erfasst wurden wie bspw. Kellerräume, Heizungs- und Wasserleitungen, Servicegänge und -räume oder Dächer. Obwohl viele der damals vermessenen Bauten später weiter beschädigt oder gar zerstört wurden, haben Bauforschung und Archäologie die Zeichnungen trotz ihres einmaligen dokumentarischen Charakters bisher nicht oder kaum ausgewertet.

Diese riesige Menge an Material zu Druckvorlagen zu verarbeiten und zu drucken, dürfte selbst heute einen immensen Aufwand erfordern: Es ist daher also kaum zu erwarten, dass dies durch die Accademia tatsächlich noch erfolgreich in Angriff genommen wurde. Aber mit dem 4. Buch der Quattro Libri Andrea Palladios liegt ein entsprechender Versuch vor — noch dazu von einem Architekten, der nachweislich engen Kontakt zu führenden Akademikern wie Trissino, Sangallo, Ligorio und evtl. auch Matal hatte, längere Zeit in Rom verbrachte und über Barbaros Vitruv-Ausgabe möglicherweise ohnehin schon mit der nachträglichen Realisierung eines Teils des Accademia-Projektes in Verbindung gebracht werden kann. Besonders auffällig ist, dass nicht nur Palladios Darstellungen im 4. Buch der Beschreibung Tolomeis entsprechen, sondern auch seine Kommentare: Diese gliedern sich in einen historischen Teil über den Bauherrn und die Geschichte des Bauwerks sowie einen architektonischen Teil über die verwendeten Ordnungen und andere Charakteristika. Mit den geplanten, aber nie vollendeten Büchern Palladios über Bäder und Triumphbögen wäre zumindest ein sehr großer Teil der von Tolomei für dieses 13. Buch vorgesehenen Architektur abgedeckt gewesen. Trotz dieser auffälligen Übereinstimmungen hat die Palladio-Forschung sein Viertes Buch und dessen geplanten Nachfolger nie zu Tolomeis Projekt in Beziehung gesetzt. Unterstützt wird diese Hypothese durch Zeichnungen im Londoner Palladio-Bestand, die auf die erwähnten französischen Zeichner zurück gehen oder zu deren Blättern in engster Beziehung stehen.

Des weiteren besitzt die BAV mit dem Manuskript Ross. 618 eine Sammlung von Architekturzeichnungen, die zumindest teilweise auf Jacopo Strada zurück geht, welcher sich 1553–1555 als Mitglied der Accademia in Rom aufhielt. Zuvor hatte Strada in Lyon u. a. die Materialien für Serlios 7. Buch erworben sowie seine Epitome Thesauri Antiquitatum, ein frühes ‘Bildnisvitenbuch’, 1553 im Selbstverlag drucken lassen. Über die Tätigkeit der Accademia war Strada schon vor seiner Abreise nach Rom vermutlich durch seinen Auftraggeber Johann Jakob Fugger informiert, für den er auch sein Magnus ac Novum Opus begonnen hatte (s. u.). Fugger wiederum kannte vermutlich seit seinem Jurastudium bei Alciato spätere Förderer und Mitglieder der Accademia wie Alessandro Farnese, Granvelle, Agustín und Matal. Die Zeichnungen in Ross. 618 erfordern einen Vergleich sowohl mit Serlio als auch vor allem mit Vignolas enorm einflussreicher Regola (1562): Eine erste Untersuchung bestätigte, dass einige der Zeichnungen bisher unbeachtete Kopien nach verlorenen Vorstufen für die Regola sein müssen und also zu den Antikenstudien der Accademia in Beziehung stehen dürften. Die Verbindung zu Sangallos engstem Mitarbeiter Antonio Labacco und dessen Libro appartenente all’Architettura (1552) ist insofern von Bedeutung, als dieses Buch auf derselben Druckerpresse in Labaccos Haus entstanden zu sein scheint wie Vignolas Regola und möglicherweise von vornherein als sukzessiv zu erweiternde Beispielsammlung geplant war, die Vignolas Regelwerk ergänzen sollte (Thoenes): Insofern wäre es vielleicht als Vorläufer des berühmten Speculum Romanæ magnificentiæ Lafrérys anzusehen, der Werkstatt und Stichplatten des Labacco-Partners Antonio Salamanca übernommen hatte. Obwohl Lafréry wie auffallend viele französische Mitglieder der Accademia aus der Gegend um Besançon stammte, scheint er deren Architekturzeichnungen jedoch nicht genutzt zu haben.

14. Kommentierte und illustrierte Dokumentation der Grabsteine und Sarkophage

Bereits im Zuge der Ausstellung und ersten vorläufigen Katalogisierung des Codex Coburgensis 1986 wurde von Margaret Daly Davis vermutet, dass diese archäologisch präzise zu nennenden Zeichnungen antiker Reliefs und Statuen dem Umkreis Cervinis zuzuordnen sein dürften. Ihre enge Beziehung zum Berliner Codex Pighianus war bereits vorher bekannt, aber noch nicht genau untersucht worden. Vermutlich arbeiteten die Zeichner beider Codices nicht nur gelegentlich nach gemeinsamen Vorlagen, sondern kooperierten in ähnlicher Weise, wie sich dies für die Architekturzeichnungen im Umkreis des Codex Destailleur D nachweisen lässt. Pighius war lange Jahre Mitarbeiter Cervinis in verschiedenen Funktionen, zuletzt als sein Privatsekretär, und wurde nach Cervinis Tod von Kardinal Granvelle in ähnlicher Funktion beschäftigt. Seine enge Beziehung zu anderen Mitgliedern des Tolomei-Netzwerkes zeigt sich in der Diskussion über eine antike Herme im Garten Kardinal Rodolfo Pio da Carpis, die er in seinerThemis Dea (1568) wiedergibt. An ihr nahmen Agustín, Matal und Granvelles Sekretär und Agent Antoine Morillon teil, der vermutlich sogar als Hauptzeichner des Codex Coburgensis gelten kann (Wrede). Über die im Codex Pighianus enthaltenen antiken Inschriften ließe sich vermutlich auch eine Beziehung zum «Inschriften-Teilprojekt» der Accademia herstellen, welches von Matal koordiniert wurde.

15. Kommentierte und illustrierte Dokumentation der Statuen 

Diese Dokumentation der Statuen sollte mit kunsthistorisch-kritischen bzw. stilistischen Kommentaren versehen werden, um deren Alter, ihre Qualität und ihre Verwendung zu erschließen. Obwohl die Codices Pighianus und Coburgensis auch einige Zeichnungen von Statuen enthalten, können sie kaum als (ausschließliche) Vorarbeiten für dieses Teilprojekt angesehen werden. Hierfür kämen vielleicht die 174 einheitlichen und systematisch erstellten Zeichnungen nach antiken Statuen aus der Werkstatt Jacopo Stradas in Frage, die sich heute in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien (Codex Miniatus 21,1–3) befinden. Sie werden ergänzt durch über 200 Zeichnungen nach antiken Porträtbüsten im selben Codex sowie eine große Zahl weiterer Büstenzeichnungen Stradas in Dresden. Allerdings zeigen Stradas Statuenzeichnungen — im deutlichen Unterschied zur archäologischen Genauigkeit der Darstellungen in den Codices Pighianus und Coburgensis — selten alle Beschädigungen, und einige scheinen sogar auf freier Fantasie zu beruhen oder Fälschungen zu zeigen, weshalb sie von der Forschung bisher kaum beachtet wurden. Vermutlich deshalb wurde aber auch noch nicht untersucht, ob diese abwertenden (Vor-) Urteile überhaupt zutreffen und Zeichnungen unbekannter Statuen nicht tatsächlich auf Verlusten statt Fälschungen beruhen.

Auf eine zweite Gruppe möglicher Vorarbeiten für dieses Teilprojekt hat im November 2017 Friedrich Eugen Keller († 2018) hingewiesen: Der Maler Battista Franco hinterließ mindestens 47 (oder 67?) Zeichnungen nach antiken Statuen, die nach Aussage Vasaris für ein «gran libro delle statue» entstanden. Franco stand in Rom in den 1540er Jahren im Dienst Kardinal Cesis, der ebenfalls mehrere Akademiker förderte und wichtige Manuskripte seiner Bibliothek ebenso zur Verfügung stellte wie seine berühmte Statuensammlung. Es ist also mit Keller anzunehmen, dass Francos Projekt des gran libro nicht auf eine private Idee des Künstlers zurück ging, sondern mit dem Accademia-Projekt in Beziehung stand.

In Cesis Garten stand bspw. die Kolossalstatue, mit der Giovanni Battista de’Cavallieri sein Antiquarum Statuarum Urbis Romæ Liber Primus von 1562–1570 eröffnet, dessen Darstellungen auffällig denen Stradas gleichen. Ähnliches gilt für seine Statuendarstellungen in der erweiterten Neuausgabe des Werkes von 1585. Möglicherweise besteht hier eine Verbindung zu Strada und damit zur Accademia, denn Cavallieri arbeitete gemeinsam mit Giovanni Antonio Dosio an der 1569 erschienen Sammlung Urbis Romæ Aedificiorum Illustriumquæ supersunt Reliquiæ Summa mit Darstellungen antiker Bauten. Der junge Dosio wiederum hatte zwischen 1553 und 1555 in Rom als Zeichner für Strada gearbeitet.

16. Kommentierte und illustrierte Dokumentation der Friese, Reliefs u. ä.

Hiermit sind laut Tolomei vor allem solche Verzierungen antiker Bauten gemeint, die sich nicht durch eine historische oder mythische Begebenheit oder Person den obigen Bänden zuordnen ließen, aber auch nicht als ‘rein-architektonische’ Ornamente aufzufassen wären, welche im folgenden Buch erfasst werden sollten. Entsprechende Vorarbeiten wurden vermutlich nicht unabhängig von der Dokumentation der Bauten vorgenommen und dürften sich daher verstreut unter den oben erwähnten Zeichnungen finden. Dies trifft z. B. für das berühmte Friesrelief mit der Darstellung liturgischer Geräte vom Tempel des Vespasian am Forum Romanum zu. Insgesamt ist die Zahl solcher Darstellungen in den bisher bekannten Zeichnungsgruppen aber eher gering, so dass es möglicherweise einen eigenen Zeichnungsband gab oder sogar noch gibt, der diese vereinigt(e).

17. Kommentierte und illustrierte Dokumentation vereinzelter Architekturelemente

Da Rom «die Stadt der wandernden Steine» ist, wie es Rudolf Preimesberger einmal ausdrückte, haben sich über die ganze Stadt verstreut viele architektonische Einzelteile wie Basen und Kapitelle erhalten, die sich nicht mehr einem bestimmten antiken Bauwerk zuordnen lassen. Aber auch ihre Dokumentation war für das Gesamtprojekt der Accademia natürlich von Bedeutung, zumal insbesondere reicht verzierte Schmuckbasen oder Kapitelle seit der Antike vorzugsweise verlagert und in anderen Kontexten ‘zur Schau’ gestellt wurden. Wie im Falle des vorangehenden Buches ist auch hier damit zu rechnen, dass sich solche Darstellungen überwiegend unter den erwähnten Architekturzeichnungen finden lassen. Bemerkenswert ist in diesem Kontext ein Blatt im Louvre, das mehrere Schmuckbasen einheitlich darstellt, laut Katalog aber der Werkstatt Charles le Bruns — also dem späten 17. Jahrhundert! — zugeschrieben wird, obwohl es eindeutig als Parallele zu Zeichnungen in den Scholz- und Goldschmidt-Zeichnungsbüchern im New Yorker Metropolitan Museum of Art anzusehen ist und damit dem Accademia-Umkreis entstammen dürfte.

Daneben gibt es eine Reihe vergleichbarer ‘Musterbücher’ nach antiken Vorlagen, welche aber oft mit eigenen Entwürfen von Zeichnern seit dem 15. Jahrhundert durchmischt sind. Zumindest einige davon, die von der Forschung zeitweilig z. B. Fra Giocondo zugeschrieben wurden, dürften den Akademikern bekannt gewesen sein und zur Verfügung gestanden haben. Das Beispiel des le Brun zugewiesenen Blattes deutet darauf hin, dass solche Blätter vermutlich auch eher aus ihrem Überlieferungskontext entfernt wurden und separat erhalten, also heute vermutlich schwer als Accademia-Material zu identifizieren sind.

18. Kommentierte und illustrierte Dokumentation der Vasen und ähnlicher Objekte

Bisher sind keine entsprechenden Publikationen oder Vorstudien dazu bekannt. Es ist aber nicht auszuschließen, dass Enea Vicos Stichsammlung nach antiken Vasen dem Accademia-Projekt zuzuordnen ist, denn Vico arbeitete in den 1540er Jahren in Rom. Daneben enthält ein Teilband des bereits erwähnten Wiener Codex Miniatus 21 aus der Werkstatt Jacopo Stradas eine Vielzahl von Vasen und Gefäßen, die jedoch von der Forschung als freie Fantasien und Entwürfe des ursprünglich bei Giulio Romano als Goldschmied ausgebildeten Strada für potentielle Auftraggeber angesehen werden, obwohl Strada selbst auf dem Titelblatt behauptet, sie seien alle nach antiken Vorbildern — realen Vasen oder deren Darstellungen in Reliefs und auf Münzen — gestaltet. Auch hierzu stehen weiterführende Forschungen noch aus.

19. Kommentierte und illustrierte Dokumentation der Instrumente und Werkzeuge

Für die Kenntnis der antiken Architekturpraxis war ein solches Werk sicherlich nützlich, aber nicht unverzichtbar. Eine entsprechende Publikation oder Vorarbeiten dazu sind jedoch nicht bekannt. Allerdings enthalten Jean Matals Inschriftenbände in der Vatikanischen Bibliothek sowie Architekturtraktate der Zeit kommentierte Darstellungen antiker Werkzeuge bspw. nach Grabreliefs.

20. Kommentierte und illustrierte Dokumentation der Inschriften

Um Bauten und ihre Verwendung zu bestimmen, waren Inschriften zweifellos unverzichtbar. Die bereits erwähnten Inschriftensammlungen Jean Matals im Vatikan — vor allem Vat. lat. 6034 + 6036–6040 — dürften die Vorarbeiten für diese Publikation enthalten. Die erhaltenen sechs Bände werden ergänzt durch eine Ausgabe der Sylloge Mazzochis, die Matal von seinem Freund Agustín als Geschenk erhalten und minutiös annotiert und korrigiert hatte, sowie vor allem durch ähnliche Sammlungsbände der Mitarbeiter und Schüler Matals, vor allem Onofrio Panvinio, Fulvio Orsini und Aldo Manuzio d. J. Als weitere Mitarbeiter an Matals Inschriftensammlungen werden dort u. a. erwähnt: Guillaume Philandrier, Antonio Agustín, Stephan Pighius und Antoine Morillon (Kompilatoren der Codices Pighianus und Coburgensis), Pirro Ligorio, Martin Smet(ius), Louis Budé (Sohn des Humanisten Guillaume) und sogar Palladio.

Die Bände der Inschriftensammlung wurden sicherlich nicht nur von Matal allein geschrieben, denn es finden sich darin mehrere, deutlich unterscheidbare Handschriften. Zu nahezu jeder aufgeführten Inschrift sind Auffindungsort, Name des Transkribenten sowie weitere Quellenhinweise bspw. auf deren Erwähnung in älteren Syllogen angegeben. Einer der fleißigsten Beiträger zu Matals Sammlung war Martin (de) Smet(ius), dessen Arbeitgeber wiederum Kardinal Rodolfo Pio da Carpi war. Es ist also nicht verwunderlich, wenn dieselbe Methodik der Quellenreferenzierung und -wiedergabe (ebenso wie natürlich die Darstellung von Beschädigungen ohne eigene Ergänzungen — hierin den Relief- und Architekturzeichnungen vergleichbar — sich auch in Smets Inscriptionum antiquarum quæ passim per Europam liber (Antwerpen 1588) findet. Nach einer abenteuerlichen Editionsgeschichte, vor deren Abschluss Smet verstarb, wurde das Werk von Granvelles Sekretär Lipsius mit einigen Hinzufügungen publiziert — und begründete dessen Ruf als führender (und mutmaßlich erster wissenschaftlich arbeitender) Epigraphiker! Dass Lipsius’ Ruf als Epigraphiker auch deshalb unverdient ist, weil er selbst sich später auffallend desinteressiert an antiken Inschriften zeigte, hat jüngst William Stenhouse nachgewiesen.

Die bereits erwähnten Syllogen Aldo Manuzios d. J., Fulvio Orsinis und Onofrio Panvinios in der Vaticana bestehen z. T. aus eingeklebten Zetteln, die offensichtlich einst Teil älterer Sammlungen waren. Da die Handschriften auf diesen Zetteln oft denjenigen sehr stark ähneln, die sich auch in Jean Matals Codices finden, kann hier nur ein minutiöser Vergleich helfen, weitere Erkenntnisse über die Beziehungen dieser Sammlungen zu derjenigen Matals und damit zur Accademia zu gewinnen: Dass Manuzio Matals Mitarbeiter war, wurde bereits erwähnt. Panvinio wiederum bezeichnete sich selbst als Schüler Matals, von dem er überhaupt erst in das methodische und systematische Studium der Antike eingeführt worden sei. Er übernahm offensichtlich Matals Sammlungen, nachdem dieser 1555 von einer Reise mit Agustín nach England nicht nach Rom zurück gekehrt war. Folgende Bände lassen sich bisher dieser Gruppe zurechnen: Vat. lat. 3439, 5236, 5237, 5249, 6035, 6115, 6231, 6237, 6783, 7010, 7132, 8492, 8493, 8494, 8495, 11257 A/B.

Eine mögliche Beziehung — und sei es durch Aussparung genau der dort aufgeführten Inschriften aus Mailand und Umgebung — zur auf 1508 datierten aber sicher neu zu datierenden Sylloge Alciatos in Dresden (1508 war Alciato 16 Jahre alt…) wäre ebenfalls zu klären 

21. Übersicht der bekannten Malereien

Auch zu einem solchen Werk sind bisher keine Vorarbeiten bekannt geworden. Man könnte aber angesichts der umfangreichen Dokumentation frühchristlicher Malereien durch die ab ca. 1550 entstehende christliche Archäologie vermuten, dass auch diese nicht voraussetzungslos waren und entsprechende Darstellungen — über die sporadisch erhaltenen Zeichnungen von Malern — auch schon im Umkreis der Accademia für das Projekt zielstrebig gesammelt wurden, sich jedoch nicht erhalten haben bzw. bisher nicht aufgefunden oder identifiziert werden konnten.

22. Kommentierte und illustrierte Dokumentation der Münzen und Medaillen 

Auch wenn Jacopo Stradas Magnum ac Novum Opus nicht präzise als Realisierung dieses Teilprojekts anzusehen ist, gibt es doch eine Reihe von Parallelen und Berührungspunkten, insbesondere in Form der ausführlichen Beschreibung tausender antiker Münzen in der die Zeichnungsbände ergänzenden elfbändigen Diaskeué, so dass man hier eine mögliche Verbindung vermuten dürfen wird. Obwohl das Titelblatt des Opus dieses auf 1550 datiert, dürften Vorarbeiten dazu schon früher begonnen haben. Die 29 erhaltenen von ursprünglich 30 Bänden mit über 10’000 Einzelzeichnungen — jeweils vergrößert auf den Durchmesser eines palmo ( 22.4 cm) auf einem Einzelblatt — wurden ursprünglich für Johann Jakob Fugger angefertigt, von diesem dann aber Albrecht V. von Bayern übereignet, für dessen Antiquarium inklusive darüber gelegener Bibliothek zur Aufnahme der Fuggerschen Sammlung Strada ebenfalls verantwortlich zeichnete. Sie befinden sich heute in Gotha. Ergänzende Zeichnungsbände aus Stradas Werkstatt, z. T. für andere, noch nicht identifizierte Auftraggeber, gibt es in Wien, Prag, Paris und London. Die auffälligen methodischen Unterschiede zwischen Stradas Zeichnungen (die in der Regel mehr Details zeigen als auf den Münzen selbst zu erkennen sind) und den anderen, dokumentarisch äußerst präzisen Darstellungen aus dem Umkreis der Accademia lassen sich vermutlich durch eine gewisse Unabhängigkeit des Münzprojekts vom Accademia-Projekt erklären. Dass Fugger von diesem und seiner grundlegenden Methodik gewusst haben muss, lässt sich bereits aufgrund seiner Bekanntschaft mit Agustín, Matal, Granvelle, Farnese u. a. der Accademia angehörenden Personen vermuten, die seit den gemeinsamen Studien bei Alciato bestanden haben dürfte. Hinzu kämen die internationalen Kontakte des Bankiers.

23. Rekonstruktionen durch antike Autoren beschriebener (Bau-) Maschinen

Es sind keine Publikationen oder Vorarbeiten bekannt, die genau diesem Teilprojekt entsprechen: Jedoch hat Jacopo Stradas Enkel Ottavio (nicht zu verwechseln mit Stradas Sohn gleichen Namens) 1617 eine Sammlung von 50 Darstellungen zumeist wassergetriebener Maschinen veröffentlicht, die 1623 auf 100 Darstellungen erweitert nochmals erschien. Diese beruhen laut Ottavio Strada allesamt auf Zeichnungen Jacopos, welche dieser noch kurz vor seinem Tod 1588 publizieren wollte. Dass sich entsprechendes technisches Wissen in der Familie Strada angesammelt hatte, wird durch die Tätigkeit des älteren Ottavio für Meliorationsprojekte in Spanien im Dienste Philipps II. bestätigt. Es sind mittlerweile mindestens fünf Zeichnungsbände Stradas bekannt, die jedoch noch nie eingehend untersucht wurden und möglicherweise noch weit mehr Konstruktionen darstellen, als sein Enkel Ottavio veröffentlich hat. Einige davon befinden sich leider in Privatbesitz und sind nicht zugänglich. Es erscheint aber durchaus möglich, dass sich unter diesen Zeichnungen Jacopos und seiner Werkstatt bzw. Söhne auch solche finden lassen, die antike Maschinen in der Weise rekonstruieren, wie es Tolomei für dieses Buch vorgesehen hat.

24. Rekonstruktion der Aquädukte in der Umgebung Roms

Pamela O. Long wies auf der Jahrestagung der Renaissance Society of America 2017 in Chicago in einem Vortrag zur Geschichte der Wasserversorgung im frühneuzeitlichen Rom darauf hin, dass der eigentlich nur für seine polemischen Schriften gegen die Protestanten bekannte Bischof Agostino Steuco sich 1545 für mehrere Monate von seiner Tätigkeit als Vatikanischer Bibliothekar beurlauben ließ, um den Verlauf der antiken Aquädukte im Umland Roms zu erforschen. Steuco war nicht nur der Amtsvorgänger Cervinis, sondern auch dessen Freund: Es ist also mehr als wahrscheinlich, dass Steucos Projekt nicht zufällig aus einer privaten Idee heraus entstand, sondern mit dem Projekt der Accademia verbunden war. Aus diesen Forschungen gingen drei kleine Publikationen hervor (s. Anh. 2), die aber sicherlich nicht alle Ergebnisse enthalten, denn Steucos Nachforschungen bildeten später u. a. die Grundlage für die Rekonstruktion der 1570 wieder eröffneten römischen Aqua Virgo (bzw. Acqua Vergine), welche die Fontana di Trevi speist. Damit hätte Steucos Forschung genau den Zweck erfüllt, den das Buch 24 laut Tolomei haben sollte: durch Wiedergewinnung des antiken Wissens von praktischem Nutzen für die Neuzeit zu sein.

Und genau dies war auch das Ziel des gesamten Accademia-Projektes, welches man — sollten sich die hier vorgeschlagenen Beziehungen zu Publikationen und Quellen weiter bestätigen lassen — durchaus als abgeschlossen und sogar hinsichtlich seiner Auswirkungen als sehr erfolgreich wird ansehen dürfen!